Ai gu-de wei: Dialektzwang in Shanghai

Uffgebasst, liewe Leeser! So oder so ähnlich hieße es in meiner Anrede an die geneigten Rezipienten, wenn in meinem Blog der Dialektzwang durchgesetzt würde. Wird er aber nicht. Aber an den Informationsschaltern in Shanghais Mega-Malls und den riesigen Warenhäusern muss künftig mindestens ein(e) Mitarbeiter(in) den lokalen Dialekt beherrschen. So will es eine Behörde mit dem wunderbar sperrigen Namen Shanghai Culture Development Society for Tourism Industry.

Als Stadt der Zukunft schafft Shanghai Trends, die satellitenschnell ihren Weg um den Globus finden. Gehen wir also davon aus, dass eine solche Verordnung ihren Weg nach Deutschland findet. Also wundert euch nicht, wenn euch beim Einkauf in Shanghais Partnerstadt Hamburg ein freundliches „Wie gei du dat?“(1) entgegenschallt oder im Kaufhof an der Kölner Schildergasse die nette Auskunftsdame sich mit einem „Ich han jet an de Jäng“(2) von euch abwendet. In Dresden weiß man am Infostand, wo es „Schebbsdäggln fer dä Wännsdor“(3) gibt, während in Stuttgart die schwäbische Hausfrau den Weg zu „Kehrblech und Kehrwisch“(4) gewiesen bekommt. Dialekt sei ein schützenswertes Kulturgut, zitiert „Shanghai Daily“ Li Wei von der Behörde mit dem langen Namen (siehe oben). Nun gut: Die Dialekte Chinas sind weniger nah miteinander verwandt als die deutschen und wer es jemals geschafft hat, einem Shanghaier Taxifahrer in Mandarin sein Fahrtziel zu verklickern, weiß, wovon ich rede.

Wie geht dann die Personalabteilung der großen Einzelhändler künftig die Bewerberauswahl an? Muss man in Gießen im Vorstellungsgespräch die oberhessische Nationalhymne singen, das Lied von der „Runkelreuwerobbmaschien“(5)? In Fürth „Grischbala und Drudscherla“(6) im aktiven Wortschatz verwenden? In Husum darauf achten, nur „Moin“(7) zu sagen. „Moin Moin“ gilt unter Nordfriesen bereits als überflüssiges Geschwätz – und „Moinsen“ ist Plural. „Mer waas es nedd“(8), verlautet es aus Frankfurt. Nur in Berlin wird es einfach. Ein gebelltes „Hamwanisch!“(9) ist schnell gelernt und mehr braucht es in der Hauptstadt traditionell nicht. Hört sich sogar ein bisschen chinesisch an. Oder kantonesisch? Die chinesische Übersetzung klingt ja im ganzen Reich der Mitte gleich. Sie lautet „Meiyou“ und ist genauso oft zu hören wie ihr Berliner Pendant.

1 „Wie geht es Ihnen?“ 2 „Ich habe momentan viel zu tun.“ 3 „Schirmmützen für Kinder“ 4 „Schaufel und Besen“ 5 „Runkelrübenzupfmaschine“ 6 „Mensch von geringer Körpergröße und sehr langsam denkende Dame“ 7 „Einen schönen Tag wünsche ich“ 8 „Wir wissen es nicht“ 9 „Diesen Artikel führen wir momentan nicht“

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