Hunan im Sauseschritt

Zweieinhalb Kilo schwerer und um zweieinhalb Millionen Eindrücke reicher: Das ist die Kurzbilanz meiner zwei mal zweieinhalb Tage langen Reise durch die südchinesische Provinz Hunan. Vielleicht sollte ich den gar nicht so langen Marsch durch Maos Heimat in zweieinhalbtausend Zeichen zusammenfassen. Aber das würde der Tour durch natur, Kultur und Tortur nicht gerecht.

Fangen wir mit dem Übelsten an, der Tortur. Stundenlang im Bus gefangen durchstreiften wir die öden Betonwüsten moderner chinesischer Städte wie Changsha und Changde, passierten Autobahnen mit betonwüsten Raststätten, auf denen die einzelnen Pissoirs durchnummeriert waren, also ob gleich eine Durchsage käme, dass der Herr im roten Pullover an Becken 302 bitte zweieinhalb Schritte vortreten möge, um die Anlage nicht zu beschmutzen. Monotonie macht merkwürdige Gedanken, meine ich manchmal. Diese Phasen jedoch, mit denen unsere Gastgeber uns sehr gekonnt einen Eindruck vom Chinese Way of Travelling – Europa in sechs Tagen – verschafften, wurden durch das sensationelle Programm mehr als aufgewogen.

Hunan Embroidery Center, das Mekka der lokalen Stickerei, war da nur die Einstiegsdroge in den Hunan-Trip. Was die jungen Damen mit Nadel und Faden auf den Stoff schafften, ließ meine generell vorhandene Hochachtung vor Handarbeiten jeglicher Art in die Höhe schnellen. Zumal man uns zur Nachahmung in schwacher Ausprägung, die ich Dilettantismus zu nennen scheue, nötigte. Dass das Endprodukt, fein gestickte Drachen und Tiger dann nicht meinen Geschmack trafen – mein chinesisches Sternzeichen ist bekanntlich Ratte? Geschenkt. Hut ab vor der feingliedrigen Leistung!

Kann ich den Besuch in der Teeversuchsanstalt einfach weglassen, bei so viel en Programmpunkten? Ja, ich kann. Obwohl ich nach wie vor ein großer Freund von den in schwarzen Tee gepressten Mosaiken bin, die aber eher optisch als kulinarische Qualitäten haben und meine Getränkevorlieben auch in China eindeutig eher in Richtung gekühltem Hopfentee – immerhin auch seit 5000 Jahren dort nachweisbar – gehen. Über die Reisversuchsantsalt mit dem charismatischen Reisverbesserer Yuan Longping habe ich im vergangenen Beitrag berichtet, sodass ich schon in Liling angekommen bin, dem Zentrum chinesischer Feinkeramik und jahrhundertealten spülmaschinenfesten Porzellans.

Eine stets lächelnde Frau im besten Alter, gewandet in einen grüne Kittel wurde uns vorgestellt und ihre westlich gekleidete Tochter übersetzte, dass ihre Mutter jetzt vor unseren Augen eine Vase bemalt. So what war mein erster Gedanke, ehe die Fame Strich um Strich setzte, mit leichter Hand Blumen zauberte, ganz in sich vergessen und die vielen Augen, die ihren Händen folgten, nicht wahrnehmend. Xiaoling Huang ist Chinas berühmteste Porzellanmalerin, Deputierte des Volkskongresses und ausweislich ihrer Visitenkarte mit unzähligen Ehrentiteln honoriert – und das zu Recht. Das Töchterchen übt sich dagegen weniger in der Malerei sondern vielmehr im Umsetzen der mütterlichen Kunst in bare Münze. Sie hat einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Cambridge.

WelchePrachtstücke im Laufe der Zeit die Werkstätten von Liling verlassen haben, zeigt eine beeindruckende Ausstellung im Museum der Porzellan-Metropole, das von weitem an irdene Töpfe erinnert. In filigraner Arbeit sind dort Götter, Knaben und Parteigranden wie Zhou Enlai und Mao Zedong auf Tellern verewigt zu sehen – immerhin kommt aus Liling das Staatsgeschirr für die Große Halle des Volkes. Auch die kleine Gruppe deutscher Journalisten durfte sich als Stars fühlen: Gezählte 35 Fotografen und Kameraleute begleiteten uns für das chinesische Fernsehen und diverse Printmedien auf Schritt und Tritt.

Vom Besuch beim lokalen Fernsehen Mango TV, um den mich schon die Visa-Sachbearbeiterin in Hamburg beneidete („Mein Lieblinsgssender“) beneidete, kann ich wenig Berichtenswertes berichten. Wenn Journalisten über Medien schreiben, die sie nicht im Ansatz verstehen, geht das meistens schief. Nur als die ZDF-Kollegin fragte, warum Mango TV eine Quiz-Show nur mit Fragen zu Staatschef Xi gestaltete, wurden unsere Gastgeber etwas einsilbig.

Die Verstimmung war nicht nachhaltig, dazu waren unsere Gastgeber zu chinesisch. Stattdessen stand ein Ortswechsel an und wir durften das regnerische, dunkle Changde genießen, Hannovers Partnerstadt und mit einer Straße im hannoveraner Stil ausgestattet, deren Besuch uns aus Zeitgründen leider verwahrt war, hätte uns doch eine deutsche Braswurst Hunan Style sehr interessiert. Aber die Flussfahrt durch irrsinnig halluzinogen gestaltete Brückenunterführungen und Chinatypische Lightshows war nicht der schlimmste der zweieinhalb Millionen Eindrücke auf dieser Reise. Hatte ich erwähnt, dass wir schon am ersten Abend auf Flussfahrt in Changsha waren? Nein. Darum jetzt der Nachtrag. Es ging in Richtung Mao-Denkmal, das 32 Meter hoch eine Insel ziert, auf der der Große Vorsitzende, unweit von Changsha geboren, im Alter von 32 Jahren eine große Rede hielt.

In Changde präsentierten unsere Gastgeber uns zudem zarte Chinesinnen, die anmutig Instrumente in einer unseren westlichen Ohren wenig anmutig anmutenden Weise zupften. Aber wie gesagt: Unter zweieinhalb Millionen Eindrücken muss nicht jeder perfekt sein.

Perfekt muss auch das Wetter nicht sein: Im Gegenteil. Es hat etwas von moderner Mystik, wenn in blaues Plastik gehüllte Touristen die Avatar-Berge, nächste und letzte Station unserer Tour, durchschreiten. Pfützen-Pandora und wolkenverhangenes Zhangjiajie, wie das Vorbild für das Set Design von James Camerons Scifi-Thriller Avatar in Wirklichkeit heißt. Statt auf schicken Flugobjekten schißen wir im gläsernen Fahrstuhl nach oben und den schwindelerregenden Blick in die Tiefe genießen wir vom sicheren Glasdeck aus.

In dieses Idyll hat ein in Shanghai erfolgreich wirtschaftender Geschäftsmann sein Landhotel Catalpa Eco Resort gebaut. Selbst der Minderheit der Miao angehörend will er Wohlstand und Arbeitsplätze zurückbringen und schafft eine Oase der Ruhe und Eleganz mit edlen Sammlerstücken und einer dem westlichen Geschmack angepassten Umgebung ohne den chinatypischen Blech- und Plastiktand . Ein gelungener Platz für die letzte Nacht in Hunan.

Nun wird sich der geneigte Leser fragen, wieso der Shanghai-Reporter zweieinhalb Kilo zugelegt hat, wo er doch ständig unterwegs zu sein schien. Der notorisch gefräßige Shanghai-Reporter hat es genossen, mit chineischen Gastgebern unterwegs gewesen zu sein, die alle Mahlzeiten hoch achten und immer nur vom feinsten der Hunan-Küche serviert haben, schon im heimatlichen Shanghai ein kulinarischer Favorit. Und so begab es sich, das zwischen Fischköpfen, Krabben, Maos liebstem Schweinegericht und vielerlei Leckereien sich immer tewas fand, was unebdingt probiert werden musste. Und eins sei versichert: An Reis musste man sich nicht satt essen. Die Freunde chinesischer Küche wissen, wie ich das mein.


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